Autorin: Susanne Holst-Franke  •  Lesezeit: 4 Minuten

Bei meiner Arbeit begegne ich täglich Menschen, die über ihr Gedanken-Karussell klagen. Meistens benutzen sie auch das Wort „Karussell“. Warum eigentlich ? Weil es sich anfühlt, als würde sich im Kopf alles drehen? Sobald ich das Wort Karussell höre, ertappe ich mich bei Gedanken und einem Bild aus meiner Kindheit. Das Karussell auf einem Spielplatz unfern unseres Hauses.

Bruder & Freunde

Ich wuchs mit einem älteren Bruder und seinen Freunden auf. Ich liebte es mit den Jungs über die Felder zu ziehen, in kleinen Wäldchen große Abenteuer zu erleben oder auf Garagendächern Piraten zu spielen. Und wenn wenig Zeit für große Streifzüge war, dann trafen sich die Jungs auf dem nahegelegenen Spielplatz.

Langweilige Mädchen?

Vielleicht fragen sie sich, ob es in der Nachbarschaft keine Mädchen gab mit denen ich hätte spielen können. Mein Bruder fragte sich das sicherlich auch. Doch, die gab es allemal. Ich fand sie nur, im Vergleich zu den Jungs, langweilig. Wenig Abenteuer. Wenig Überraschungen. Wenig Risiko. Zurück zum Spielplatz. Zurück zum Karussell. Zurück zu meinem Bruder, den es sicherlich viele Male nervte, wenn seine kleine Schwester hinter ihm her wackelte und dabei sein wollte. Er muss es gehasst haben. Ich war wie ein Schatten. Was für mich ein Riesenspass war, war für ihn sicherlich häufig ein Gräuel. Und nun zurück zum Bild des Karussells aus meiner Kindheit.

Karussell meiner Kindheit

Mein Bruder wollte kurz seine Freunde auf dem Spielplatz treffen – und ich, zack!- hinterher. Die meisten saßen schon in diesem besonderen Karussell, mit der großen Drehscheibe in der Mitte, als mein Bruder aufstieg und ich kurz darauf aufsprang und mich neben ihn quetschte. Sie begannen das Rad in der Mitte zu drehen, immer heftiger und schneller, dann abwechselnd mit all ihrer Kraft und unter lautem Gegröle und Gelache – sie hatten augenscheinlich sehr viel Spaß.

Manchmal ist Zusehen besser

An diesem Tag habe ich so einiges gelernt. Zum Beispiel wie sich Zentrifugalkraft auf den eigenen Körper auswirkt. Vielleicht habe ich auch gelernt, dass ich meinen Bruder hin und wieder echt genervt habe. Aber ich habe auch gelernt, dass es an manchen Tagen (Achtung: die Zusammenstellung der Fahrgäste ist dabei durchaus nicht zu unterschätzen!) besser ist, das Karussell NICHT zu besteigen. Einfach nicht einsteigen. Draußen stehen bleiben. Zuschauen. Beobachten. Ja, auch das kann sehr schön sein und davor schützen, in einem unaufhaltsamen großen Strahl zu vomieren.

Die Lektion

Ich habe an diesem Tag gelernt: achte darauf, in welches Karussell du einsteigst. Und dreht es sich zu schnell, dann ist das zum Kotz… Ebenso verhält es sich mit dem Gedanken-Karussell: es kann entspannter und gesünder sein, NICHT einzusteigen, sondern es von außen zu betrachten.

Und dann fragen mich meine Klienten: wie steige ich aus dem Gedanken-Karussell aus?

Und ich höre mich sagen: STOP schreien! Aussteigen! Zuschauen!

Und nicht wieder einsteigen, wenn ihnen die Fahrgäste nicht zusagen!

 

Gute Fahrt & bis zum nächsten Mal!

Susanne Holst-Franke