Autor: Thomas Schönmetz • Dauer: 6 Minuten • 


Blindes Vertrauen – die Nacht von Arganil.

Was ist Vertrauen? Was bedeutet „ich vertraue“? Haben Sie sich das auch schon mal gefragt? Es geht so leicht über die Lippen: ich vertraue IHM … ich vertraue IHR. Doch wie weit geht Vertrauen. Alleine dieses rätselhafte „wie weit“ darf schon zum Nachdenken anregen – für mich auf jeden Fall.

Erwartungen.

Was muss da sein, wenn ich einer Person vertraue? Reicht hier irgendeine Erwartung meinerseits? Und wenn diese enttäuscht wird … was ist dann? Oft kommt dann gerne eine Antwort wie: ja dann trenne ich mich eben von dieser Person, egal welche Verbindung ich zu dieser Person hatte. Blindes Vertrauen

Ich habe mich auf die Suche gemacht nach einem Extrembeispiel … nach einer wahren Geschichte … nach einer Geschichte, die unter die Haut geht.

Wie wäre es mit der gewagten Aussage: Ich lege mein Leben in die Hände dieser Person, so sehr vertraue ich ihr!

Geht Ihnen das zu weit?

Falls ja, dann müssen Sie nicht weiterlesen. Falls nein, dann wird es jetzt richtig spannend.

Lassen Sie uns doch mal einen Blick auf den Rallyefahrer Walter Röhrl werfen und natürlich seinen Beifahrer Christian Geistdörfer. Der eine FÄHRT und der andere LIEST vor. Ja genau, der Beifahrer liest in einem Höllentempo vor und der Fahrer macht genau das, was der andere vorliest – dies ebenfalls in einem Höllentempo. Blindes Vertrauen

„Gut“ werden Sie sagen, der Fahrer sieht ja immer noch, wo er hinfährt. Doch so einfach darf man das nicht denken. Stellen Sie sich mal vor, der Fahrer sieht nichts und fährt einfach dorthin, wo der Beifahrer ihn „hinliest“ mit seinen Ansagen. Und das bei unfassbaren Geschwindigkeiten und bei null Sicht. Tauchen Sie mit mir ein in die Geschichte von 1980, wo Walter Röhrl und Christian Geistdörfer im „Blindflug“ eine Rally gewannen, weil sie sich BLIND VERTRAUTEN … ohne WENN und ABER„.

Die Nacht von Arganil.

Im Jahr 1980 machten sich Walter Röhrl und Christian Geistdörfer mit dem Nebelritt von Arganil unsterblich. Wir schreiben den 7. März 1980. Es ist kurz vor Mitternacht. Die Hügel der bis zu 1.400 Meter hohen Serra do Açor sind wie so oft zu dieser Uhrzeit in einen dichten Nebel gehüllt, als die Fahrer zum Start der Königsprüfung der Rallye Portugal anrollen.

Arganil. Das bedeutet 42 Kilometer Schotter auf Wegen, die kaum breiter sind als ein Feldweg. Links der Berg, rechts der Abgrund, bis zu 200 Meter tief. Dazu Nacht und dichter Nebel. Die Sicht ist so, als hätte man die Scheiben der Rallyeautos mit Sichtschutzfolie beklebt (Sicht damals: unter 5 Meter). Blindes Vertrauen

Oder anders formuliert: perfektes Röhrl-Wetter. Obwohl sein Fahrzeug wegen eines Unfalls technisch angeschlagen ist, prescht der Regensburger über die längste und härteste Wertungsprüfung der Rallye, als gäbe kein Morgen mehr. Bereits nach vier Kilometern ziehen Röhrl & Geistdörfer am Führenden vorbei. Dann gibt es nur noch freie Fahrt für das bayerische Fiat-Duo, das sich mit deutscher Gründlichkeit auf die blinde Achterbahnfahrt durch die portugiesischen Berge vorbereitet hat. Blindes Vertrauen

Geistdörfer hat seinen Aufschrieb im Vorfeld mit Zwischennoten verfeinert und Röhrl hat sich jede einzelne Kurve in sein fotografisches Gedächtnis gehämmert.

Fünf Minuten schneller als der Rest!

Mit Erfolg: 35 Minuten und 14 Sekunden brauchen Röhrl/Geistdörfer für die 42-Kilometer-Blindfahrt. Björn Waldegard ist im Mercedes Zweitschnellster – mit 5 Minuten Rückstand auf die Bestzeit! Zum Vergleich: Bei der längsten Wertungsprüfung der Rallye Portugal 2013 (Almodovar, 52,3 km) lagen 28 Teams innerhalb einem Sieben-Sekunden Fenster – auf die Gesamtzeit gesehen!!!

Was hat das nun mit Achtsamkeit zu tun?

Verdammt viel! Mir bewusst zu sein, dass das Leben des anderen von mir und meinem Tun abhängt. Meine Sinne im Hinblick auf die Situation zu schärfen. Ganz im Hier und Jetzt zu sein – die Situation zu spüren und zu erleben und sich nicht von Gedanken ablenken zu lassen – nicht den Bruchteil einer Sekunde.

Doch nun die Frage an Sie: können Sie vertrauen? Falls ja,  wie weit geht Ihr Vertrauen?

Ihr Thomas Schönmetz