Autorin: Susanne Burkhardt  • Dauer: 6 Minuten  


Tannen sind rot – „Hilf mir, es selbst zu tun“. Ein wunderschöner Impuls von Maria Montessori (1870-1952). Sie forschte und fand heraus, dass alle Kinder etwas lernen können, wenn man ihnen gibt was sie brauchen, um zu verstehen. Die italienische Ärztin wollte Kinder zu neugierigen und selbstständigen Menschen erziehen.

Neugierde

Neugierde ist die Motivation für weiteres Lernen. An die eigene Grundschullernzeit kann man sich noch gut erinnern. Vielleicht auch, weil gerade diese Zeit besonders prägend für die eigene Lernbiographie ist. So viele Kinder es gibt, so viele unterschiedliche Geschichten gibt es dazu.

Eine Geschichte

Hannes freute sich auf die Einschulung. Endlich zu den Großen im Kindergarten gehören, bald lesen, schreiben und rechnen lernen. So wie die Erwachsenen, wie Mama, Papa und Cousin Michael. Und dann war da dieser eine unsensible Satz seiner Vorschullehrerin: „Wer nicht weiß, dass Tannen grün anzumalen sind, der kann auch nicht eingeschult werden!“ Dabei hatte Hannes die Tannen in einen rötlichen Schimmer eintauchen wollen. Das Abendrot hatte die Tannen doch neulich rot aussehen lassen. Mist! Tannen sind rot

Seine Mama fand das gar nicht schön, davon zu hören. Nicht, dass er nicht eingeschult werden könnte, sondern, dass die Vorschullehrerin diesen Spruch gelassen hatte. Hannes Mutter fühlte mit ihrem Kind, insbesondere da sie wusste, wie sensibel Hannes war und was es mit ihm machte. Sie suchte das Gespräch mit der Vorschullehrerin. Es war ihr eine Herzensangelegenheit. Oder hätte sie vielleicht besser schweigen sollen?

Seit diesem Gespräch nahm Hannes Lernweg einen unerwarteten Lauf. Eingeschult wurde er, jedoch waren Stolpersteine und Misserfolgserlebnisse zu oft mit ihm. Wie sollte er da Zuversicht in eigene Fähigkeiten entwickeln können? Er spürte Ablehnung und sich selbst als Problem. Wegen ihm war seine Mama gestresst. Wegen ihm musste die Lehrerin so viel schimpfen. Er war einfach zu doof für alles. Hausaufgaben entwickelten sich stetig zu einem riesigen Berg, der jeden Nachmittag überwunden werden wollte. Allein konnte er schon gar nicht. Er brauchte immer die Mama dazu, obwohl er seine Hausaufgaben so gerne allein machen wollte. Tannen sind rot

Aber wie denn, wenn er nicht verstand, was die Lehrerin erzählte? Seine Ohren funktionierten prima. An denen konnte es nicht liegen. Hannes war ständig in Sorge, die Lehrerin könnte ihn aufrufen. Was, wenn er die Antwort nicht wusste? Was, wenn sie ihn wieder vor der gesammelten Klasse bloßstellen würde? Das Gedankenkarussell drehte sich und machte konzentriertes Lernen fast unmöglich. Die Ferien waren der einzige Lichtblick am Ende des Tunnels. Selbst an den Wochenenden musste er sich mit den Hausaufgaben herumquälen und Lernstoff nacharbeiten. Ja, er fühlte sich wie im Tunnel und alles war trist, grau und die Farben konnte er kaum noch sehen.

Hannes ging trotzdem weiter, auch, weil seine Mama ihn unterstützte, wo sie nur konnte. Einfach war es nie und irgendwann gewöhnte sich Hannes daran, dass das Lernen ihm das Leben schwer machte. Dazu kam der häufige Streit mit Mama. In seiner Not und mit dem Bild des grauen Tunnels, kam Hannes ins Träumen und seine Gedanken schweiften wild umher. Er genoss es immer mehr, in Tagträume zu verfallen. Mit seinem roten Flitzer im Tunnel unterwegs, wurde ihm auf einmal bewusst, dass jeder Tunnel einen Notausgang hatte. Ja, genau! Manchmal sogar mehrere, je nachdem, wie lange so ein Tunnel war und seiner war ganz schön lang.

Mit dieser Entdeckung ging er erwartungsvoll auf seine Mama zu. Sehr bewegt erzählte Hannes von seinem Traum. Deutlich aussprechen konnte er nicht, dass er diesen Weg im Tunnel nicht mehr gehen wollte. Schließlich waren da auch seine Freunde, die er nicht verlieren wollte. Dennoch hörte die Mutter den Hilferuf aus der Tiefe seiner Seele. Seit Wochen machte sich die Mutter Gedanken, was sie noch für Hannes tun konnte, damit er es leichter haben könnte. Tannen sind rot

Die ganze Familie litt mit ihm. Manchmal lassen sich Menschen im bestehenden System nicht verändern. Das war ihr in den langwierigen Auseinandersetzungen mit der Lehrerin bewusst geworden. Hannes Traum erinnerte sie an ihre eigene Selbstwirksamkeit und die Fähigkeit, den Blick zu öffnen, von dem Tunnelblick in die Weite der Möglichkeiten. Den Schlüssel zum Notausgang schon viel zu lange in ihrer Hand verborgen, holte sie ihn jetzt mutig hervor.

Seine Mutter zeigte ihm den Notausgang. Es gab ihn tatsächlich, auch in seinem Tunnel. Er musste nicht den beschwerlichen Weg weitergehen. Hannes öffnete vorsichtig die Tür und Helligkeit mit Sonne, Farben und klare Luft begrüßten ihn. Endlich konnte er wieder befreiend durchatmen. Wie sehr hatte er das vermisst. Tannen sind rot

Manchmal stehen uns unsere Emotionen im Wege, wenn wir ungebremst darauf reagieren. Vielleicht so geschehen in den Gesprächen zwischen Mutter und Lehrerin. Um klar sehen zu können was ist, brauchen wir das ausgewogene Zusammenspiel von Herz und Verstand.

Vielleicht hätte durch achtsames Kommunizieren Hannes Geschichte anders geklungen. Wir wissen es nicht. Aber hätte die Mutter deshalb schweigen sollen? Tannen sind rot

Ihre Susanne Burkhardt