Autorin:  Jessica Granitza • Dauer: 6 Minuten • 


Entspannt zur Wurzelbehandlung. Haben Sie Angst vorm Zahnarzt? Oder vielleicht vor Spritzen? Ich auch. Vor Spritzen habe ich sogar noch mehr Angst, obwohl ich in meinem Leben schon einige bekommen habe. Das hat mit einem Kindheitstrauma zu tun.

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich als Kind im Gesundheitsamt stand, vermutlich kurz vor meiner Einschulung. Als braves Mädchen folgte ich der Ansage, den Blick doch mal auf das Plakat an der Wand zu richten. Und … zack! In dem Moment, in dem meine Aufmerksamkeit gezielt auf das Bild gelenkt wurde, erfolgte der Angriff. Ein jäher Schmerz im Oberarm, völlig unerwartet. Dasselbe ist mir übrigens vor einigen Jahren bei einem Heilpraktiker passiert, der mir ebenfalls völlig unerwartet und ohne meine Zustimmung eine Spritze in den Bauch rammte. Letzteres erfüllt den Tatbestand der Körperverletzung, wie ich als Juristin sagen muss. Das dadurch getriggerte Trauma war jedoch der schlimmere Teil daran. Der Vorfall hat mich noch eine Weile beschäftigt. Die Spritze im Gesundheitsamt war strafrechtlich hingegen nicht relevant, weil die Ärztin – unjuristisch ausgedrückt – in Komplizenschaft mit meinen Eltern handelte.

Und wenn Sie sich jetzt fragen, was meine Ausführungen in diesem Blog zu suchen haben, dann will ich Ihre Geduld nicht länger strapazieren. Es geht um bewusste Aufmerksamkeit, also um Achtsamkeit. Genauer noch um das sogenannte

Paradox der Achtsamkeit.

Das Paradox der Achtsamkeit beschreibt, dass wir in einer achtsamen Lebenshaltung uns den Dingen zuwenden, anstatt sie weghaben zu wollen. Dieses Weghabenwollen – auch Aversion genannt – bringt uns dazu, uns ständig abzulenken. Wir lenken uns ab, um uns nicht zu spüren. Unangenehme oder gar schmerzhafte Dinge möchten wir nicht wahrnehmen und suchen daher ständig nach Möglichkeiten, uns davon abzuwenden. Wir kleben am Handy, um uns nicht mit uns selbst beschäftigen zu müssen. Wir versuchen uns zu betäuben, durch ein Übermaß an Genussmitteln oder exzessiver Beschäftigung. Oft gehen wir auch in den Widerstand, weil wir die Dinge nicht so haben wollen, wie sie sind. Daher ist eine der achtsamen Geisteshaltungen die Akzeptanz. Die Akzeptanz dessen, was ist. Dies ist bitte nicht mit Resignation zu verwechseln, sondern gleichzusetzen mit einer Ausgangsposition, aus der ich meine Entscheidungen treffe.

Das Paradox der Achtsamkeit sagt nun, dass die Dinge leichter werden, je konkreter und intensiver wir uns diesen zuwenden. Das ist also der gegenteilige Ansatz. Wir wenden uns gezielt zu, anstatt uns abzulenken. Wir begrüßen alle Gefühle und Empfindungen, auch die negativen. Denn diese sind ja ohnehin da und verschwinden nicht durch die Ablenkung. Je mehr wir uns abwenden, umso größer werden diese. Je mehr wir uns zuwenden, umso kleiner. Das klingt erstmal paradox.

Bei Schmerzen

Auch bei Schmerzen kann es helfen sich diesen zuzuwenden. Oder eben bei den gefürchteten Spritzen. Eine Bekannte erzählte mir, bei einer Wurzelbehandlung eingeschlafen zu sein, nachdem sie sich dem Schmerz zuwandte. Ich selbst kann Ähnliches von meinen Zahnarztbesuchen berichten. Das soll nicht heißen, dass ich auf eine Betäubung verzichten würde. Ich bin unbedingt für eine gute Schmerzbehandlung, doch leider wirkt eine Betäubung bei mir nicht immer ausreichend. Und vermutlich ist eine Wurzelbehandlung auch mit Betäubung nicht angenehm. Ich bin darum bislang herumgekommen, eben weil ich nicht ausreichend betäubt werden konnte. Und danach hat sich der Zahn wieder erholt.

Ein weiteres Beispiel aus meinem Leben sind die höllischen Schmerzen einer Faszienbehandlung. Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf die schmerzende Stelle richte, lässt es sich erstaunlicherweise aushalten. Daher bevorzuge ich es auch, dabei nicht von der Physiotherapeutin in ein Gespräch verwickelt zu werden.

Probieren Sie es aus! Ich freue mich über Ihre Kommentare!

Ihre Jessica Granitza