Autorin:  Sibylle Schiller • Dauer: 6 Minuten • 


Eineiige Zwillinge -Gleiche Gene, unterschiedliche Wege. „Sind Sie wirklich eineiig? Wer von Ihnen ist denn die Ältere? Können Sie die Gedanken Ihrer Schwester lesen?“ Diese Fragen begleiten meine Zwillingsschwester und mich, seit wir denken können. Als Kinder fanden wir sie lustig, später manchmal etwas anstrengend. Denn so ähnlich wir uns äußerlich auch waren, wir waren nie einfach nur zwei gleiche Menschen. Wir teilen nahezu die gleichen Gene und doch haben wir unterschiedliche Vorlieben, Erfahrungen und Lebenswege entwickelt. Je älter wir wurden, desto deutlicher wurden auch unsere Unterschiede.

Gene sind nicht unser Schicksal

Lange Zeit betrachtete man unsere Gene wie einen festgelegten Bauplan. Heute zeigt uns die Epigenetik ein differenzierteres Bild. Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress, Umwelt und viele andere Einflüsse können mitbestimmen, wie unsere genetischen Anlagen genutzt werden. Gerade eineiige Zwillinge machen das besonders anschaulich. Sie starten mit nahezu identischen genetischen Voraussetzungen und können sich dennoch im Laufe ihres Lebens unterschiedlich entwickeln. Die Gene bleiben gleich. Aber das Leben hinterlässt Spuren.

Was sagt der Ayurveda dazu?

Der Ayurveda betrachtet jeden Menschen als einzigartig. Unsere ursprüngliche Konstitution, die Prakriti, begleitet uns durchs Leben. Gleichzeitig verändert sich unser momentaner Zustand immer wieder. Ernährung, Jahreszeiten, Lebensrhythmus, Gedanken, Belastungen und Erfahrungen wirken auf uns ein. Entscheidend ist deshalb nicht nur, mit welchen Voraussetzungen wir geboren werden, sondern auch, wie wir leben.

Das finde ich gerade beim Blick auf meine Schwester und mich besonders spannend. Wir hatten denselben Startpunkt, waren uns lange sehr nah und teilten viele Bedürfnisse, Gedanken und Ziele. Und ja, manchmal hatten wir tatsächlich das Gefühl, die Gedanken der anderen lesen zu können. Oft brauchten wir keine Worte, um uns zu verstehen. Heute sind wir zwei eigenständige Frauen mit komplett unterschiedlichen Bedürfnissen und Lebenswegen.

Unsere gemeinsame Geschichte verbindet uns bis heute. Aber wir müssen nicht an dem festhalten, was einmal war. Wir verändern uns und jede darf ihren eigenen Weg gehen.

Achtsamkeit bedeutet wahrzunehmen, was heute ist

  • Was brauche ich heute?
  • Was tut mir gut?
  • Was bringt mich aus meiner Balance?
  • Und was darf vielleicht auch anders werden?

Genau diese Fragen verbinden für mich Ayurveda und Achtsamkeit. Denn nicht allein unsere ursprüngliche Konstitution ist entscheidend, sondern auch unser momentaner Zustand. Was gestern noch passend war, kann heute schon etwas anderes brauchen. Achtsamkeit hilft uns wahrzunehmen, wo wir gerade stehen und was uns dabei unterstützt, unsere eigene Balance wiederzufinden. Das ist eine der schönsten Erkenntnisse, die mir das Leben als eineiiger Zwilling geschenkt hat.

Früher glaubte ich, unsere besondere Verbindung läge vor allem darin, dass wir uns so ähnlich waren. Heute denke ich, dass auch unsere Unterschiede ein Teil dieser Verbindung sind. Unsere Gene schreiben vielleicht den ersten Satz unserer Lebensgeschichte. Doch sie schreiben nicht die ganze Geschichte. Unsere Erfahrungen, unsere Beziehungen, unsere Lebensweise und die Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen, schreiben daran weiter.

Und vielleicht bedeutet Achtsamkeit auch genau das: nicht daran festzuhalten, wie wir einmal waren, sondern dem Menschen mit Offenheit zu begegnen, der wir heute geworden sind.

Eure Sibylle Schiller