Autorin:  Sylvia Funk • Dauer: 4 Minuten • 


Lauf nicht vor dir weg. Warum Ablenkung keine Lösung ist – und was dir wirklich hilft. Gestern beim Wocheneinkauf traf ich eine liebe Bekannte. Sie erzählte mir, dass es ihr gerade überhaupt nicht gut geht. Sie macht sich große Sorgen um ihre Zukunft.

Darum, wie es weitergehen soll, wenn doch alles teurer wird und die allgemeine Situation immer unsicherer wird. Allein die Vorstellung, welche Zukunft ihre Kinder einmal haben werden, bereitet ihr schon körperliche Schmerzen. Sie sagte, dass sie kaum noch zur Ruhe kommt. Ihre Gedanken quälen sie und auch nachts findet sie keinen Schlaf. Dann zeigte sie mir ihre Einkäufe. Ein schöner Wein, etwas für einen gemütlichen Abend, ein Film. Mit einem Achselzucken und einem entschuldigenden Lächeln meinte sie: „Ich versuch´s mal damit. Vielleicht komm ich etwas runter.“

Kommt dir das bekannt vor?

Das Dilemma dabei ist: Dieser Versuch von Ablenkung beruhigt weder das Nervensystem, noch stoppt er das Gedankenkarussell. Die Anspannung bleibt meist unterschwellig bestehen. Und spätestens dann, wenn die Ablenkung wegfällt, kommt sie mit voller Wucht zurück.

Warum wir es überhaupt mit Ablenkung versuchen

Wenn Gedanken uns quälen, wenn innere Bilder an die Zukunft uns belasten oder Erinnerungen unangenehme Gefühle auslösen, dann fühlen wir uns oft überfordert. Wir wollen das nicht spüren und wollen diese Gefühle so schnell wie möglich loswerden. Also greifen wir zu altbekannten Strategien, die auch gesellschaftlich akzeptiert sind: Wir lenken uns ab mit Fernsehen, Social Media und Streamen. Wir betäuben uns zum Beispiel mit Alkohol oder womöglich noch anderen Drogen. Wir flüchten oder kämpfen, was heute hauptsächlich in Form von Sport, Partymachen oder Zocken von Videospielen seinen Ausdruck findet. All diese Strategien haben ein gemeinsames Ziel: Sie sollen uns helfen, nicht zu fühlen und die Gedanken unter Kontrolle zu halten. Doch genau darin liegt das Problem. Denn sie verdrängen nur und lösen nichts.

Warum Verdrängen nicht funktioniert

Stell dir vor, du bist im Schwimmbad. Du hast einen Wasserball dabei, den niemand sehen soll. Also drückst du ihn unter die Wasseroberfläche. Das kostet Kraft. Gleichzeitig versuchst du dich ganz normal zu verhalten, bist aber innerlich die ganze Zeit damit beschäftigt, den Ball unten zu halten. Und dann passiert etwas: Jemand spritzt dich nass. In diesem Moment wird es zu anstrengend, beides gleichzeitig zu tun und der Wasserball schießt nach oben. Genauso ist es mit Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen, die wir nicht haben wollen.

Was stattdessen hilft

Die Lösung ist so einfach – und gleichzeitig so herausfordernd: Alles, was wir verdrängen, braucht Energie. Und es holt sich immer wieder unsere Aufmerksamkeit. Damit halten wir es fest.

Wenn wir uns jedoch den Gefühlen und Körperempfindungen zuwenden, werden sie nach und nach leiser.

Das gilt auch für Gedanken. Erlaube deinen Gedanken, da zu sein. Gib ihnen Raum. Beobachte sie… Eine einfache Möglichkeit ist, sie aufzuschreiben.

Wenn du deine Gedanken aufschreibst, verlangsamen sie sich. Sie beginnen, sich zu sortieren. Und oft zeigen sich erste Lösungsansätze.

Oder du bemerkst etwas ganz anderes: Dass deine Gedanken keine Gefahr darstellen und dass du nicht deine Gedanken bist.

In diesem Moment durchbrichst du den Kreislauf aus Verdrängen und Überwältigung.

Dein Geist kommt zur Ruhe. Und auch dein Nervensystem kann sich beruhigen. Was es dafür braucht, ist schlicht deine Bereitschaft, dich dir selbst und deinen inneren Bewegungen zuzuwenden, anstatt wegzulaufen.

Probiere es einfach einmal aus.

Alles Liebe – Eure Sylvia Funk