Autorin:  Sylvia Funk • Dauer: 5 Minuten • 


Lustlos. Der Wecker klingelt. Draußen ist es noch dunkel. Und schon bevor du die Augen aufschlägst, begrüßen dich deine Gedanken: „Du solltest aufstehen! Mensch, los jetzt, sonst schaffst du dein Tagespensum nicht. Denk nur an die vielen To-dos, die du gestern nicht geschafft hast. Die kommen heute noch on top obendrauf. Los jetzt, aufstehen.“ Und dazwischen schleicht sich ein leises: „Ne, ich bleibe liegen. Ich habe überhaupt keine Lust, mich mit alldem zu befassen. Es ist jeden Tag dasselbe und es ändert sich ja doch nichts.“

Irgendwann stehst du doch auf und gehst ins Badezimmer. Du begegnest dir im Spiegel und schon geht es weiter: „Wie du wieder aussiehst. Wärst du gestern Abend doch früher ins Bett gegangen. Ach, lass uns doch einfach wieder ins Bett gehen und die Decke über den Kopf ziehen.“

So geht es den ganzen Tag… Immer wieder Gedanken: Du solltest…, du musst…, du hast noch nicht…

Bis du irgendwann feststellst: Ich habe keine Lust mehr. Auf gar nichts! Nicht auf die Arbeit, nicht auf den Haushalt, nicht auf die Menschen um dich herum und womöglich noch nicht einmal mehr auf die Dinge, die dir sonst Freude bereitet haben. Und plötzlich sind nicht nur deine Gedanken schwer, sondern auch dein Körper. Alles ist anstrengend und du fragst dich womöglich: Was ist bloß los mit mir?

Warum bin ich so lustlos?

Wenn du solche Gedanken kennst, kann es sein, dass sie vielleicht sogar ein bisschen Angst machen. Denn wenn die Lust am Leben, an den Menschen im engeren Umfeld und an den Dingen, die normalerweise Freude bereiten immer mehr schwindet, kann das viele Ursachen haben.

Manchmal steckt Erschöpfung dahinter, manchmal Überforderung oder Enttäuschung. Und manchmal können es auch körperliche Ursachen sein. Deshalb lohnt es sich auf jeden Fall genauer hinzusehen und ggf. professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Was ich aber in jedem Fall empfehlen kann, ist zunächst einmal darauf zu schauen, wie du durch deinen Alltag gehst und wie du mit dir selbst redest.

Wie redest du den ganzen Tag lang mit dir?

Beobachte dich mal einen oder mehrere Tage lang und zähle, wie oft du zu dir selbst Sätze sagst, wie: „Ich muss aufstehen. Ich muss arbeiten gehen. Ich muss noch diese E-Mails beantworten. Ich muss noch einkaufen gehen. Ich muss mich um die Kinder und/oder die Eltern kümmern. Ich muss mich zusammenreißen. Ich sollte mal wieder Sport machen“ …

Und dann spür mal rein, wie es dir alleine schon damit geht, wenn du diese Gedanken liest? Wie fühlt sich dein Körper dabei an? Wird es womöglich enger, schwerer, angespannter?

In einem Alltag voller „Ich muss…“ bekommt die Lust erstaunlich wenig Platz

Gibt es in deinem Alltag immer wieder Aufgaben, auf die du überhaupt keine Lust hast? Und laufen während dieser Aufgaben, in deinem Kopf immer wieder Gedanken ab wie: „Ich will das nicht“, „Warum muss ich das machen?“ oder „Ich habe überhaupt keine Lust darauf“? Dann kostet dich die Aufgabe vielleicht schon viel Kraft. Aber nun kommt noch etwas dazu: Du kämpfst innerlich gegen das an, was du gerade tust. Und dieser innere Kampf kostet zusätzlich Energie. Du erledigst dann nicht einfach nur die Aufgabe, sondern musst gleichzeitig deinen eigenen Widerstand dagegen überwinden. Das kann unglaublich anstrengend sein.

Natürlich gibt es im Leben immer wieder Dinge, die wir nicht gerne tun. Aufgaben, die uns schwerfallen, Situationen, die wir lieber vermeiden würden, oder Dinge, die andere von uns erwarten. Und manchmal haben wir tatsächlich wenig Einfluss darauf, was gerade ansteht. Aber meistens haben wir weitaus mehr Einfluss darauf, wie wir damit umgehen, als uns im ersten Moment bewusst ist. Denn zwischen „Ich muss das tun“ und „Ich entscheide mich dafür, das jetzt zu tun“ liegt ein bedeutender Unterschied. Die Aufgabe ist zwar dieselbe, aber unsere innere Haltung dazu hat sich verändert. Und hier beginnt der Weg von lustlos zurück zu mehr Lebenslust.

Gedankenexperiment mit Perspektivenwechsel

Wie fühlt es sich für dich an, wenn du ständig zu dir sagst: „Ich muss…, ich sollte…“? Vielleicht sagt dir dein Verstand gerade auch schon, dass diese Dinge doch notwendig sind und wirklich getan werden müssen. Doch genau hier möchte ich dich einladen, es aus einer anderen Sicht zu betrachten. Bei jedem „ich muss“ oder „ich sollte“ übst du Druck auf dich aus. Du selbst – niemand anders, übt diesen Druck auf dich aus – selbst dann wenn es etwas ist, das andere von dir wollen.

Wir haben nicht immer die Wahl über die äußeren Umstände, wir haben jedoch immer einen Handlungsspielraum, wie wir damit umgehen und welche Entscheidungen wir treffen wollen. Eine wichtige Frage, die du dir dabei stellen darfst, ist: Kann ich mit der Konsequenz meiner Entscheidung leben?

Was bedeutet das konkret?

Wenn du beispielsweise morgens aufwachst, und keine Lust hast zur Arbeit zu gehen, dann fühlt sich das oftmals so an, als hättest du keine andere Wahl, als wäre das die einzige Option. Doch stimmt das wirklich?

Machen wir doch mal folgendes Gedankenexperiment: Überlege dir, welche Möglichkeiten es für dich vielleicht sonst noch geben könnte. Vielleicht sind da Möglichkeiten dabei, die du bisher ausgeschlossen hast, weil es unangenehme Konsequenzen haben könnte… erlaube dir dennoch, diesen Raum für das Gedankenexperiment einmal mit sämtlichen Möglichkeiten zu öffnen, wie beispielsweise:

  1. Mit Widerwillen aufstehen und dich durch den Tag schleppen.
  2. Liegenbleiben und nicht zur Arbeit gehen.
  3. Aufstehen und schauen, was du heute anders machen kannst.
  4. Aufstehen mit der Entscheidung, etwas zu verändern, das dich schon länger gestört hat.
  5. …

Überlege dir nun, welche Konsequenzen die jeweilige Entscheidung für dich haben könnte, und ob du mit diesen Konsequenzen leben könntest.

Und dann triff eine Entscheidung für dich, im Bewusstsein aller möglichen Konsequenzen und beobachte was in dir passiert…

Die Situation im Außen hat sich dadurch erstmal nicht verändert, aber deine Position darin auf jeden Fall. Der entscheidende Punkt ist: Du hast eine Entscheidung für dich getroffen. Du bist nicht länger nur jemand, dem etwas widerfährt, sondern du hast entschieden und dich damit selbst als handlungsfähig erlebt. Spürst du den Unterschied? – Und das ist ein entscheidender Wendepunkt.

Denn Lebenslust beginnt nicht erst damit, dass wir plötzlich wieder Lust auf alles haben, sondern schon in dem Moment, in dem wir aufhören, uns als ausgeliefert zu erleben und anfangen unsere eigene Gestaltungskraft zu spüren. Sie wächst in dem Maße, in dem wir erleben: Ich kann etwas bewegen. Ich kann entscheiden. Ich kann gestalten.

Probiere es einfach mal aus.

Alles Liebe – Sylvia Funk