Autorin:  Sibylle Schiller • Dauer: 5 Minuten • 


Achtsamkeit im Spiegel der Doshas –warum Bewusstheit nicht für alle gleich ist. Achtsamkeit gilt heute als Königsweg zu besseren Gesundheit, geistiger Klarheit und innerer Balance.

Beobachten, wahrnehmen, im Moment sein.

Diese Qualitäten sind für alle hilfreich, doch ein Blick aus ayurvedischer Sicht lohnt sich: Achtsamkeit wird nicht von jedem gleich praktiziert oder erlebt. Sie wird ebenso von unserer individuellen Konstitution geprägt, wie auch unser Körper. Wenn sie nicht fein abgestimmt ist, kann sie uns sogar aus dem Lot bringen.

Der Ayurveda beschreibt drei grundlegende Lebensprinzipien:

  • Vata – das Prinzip von Luft und Raum
  • Pitta – Feuer und Wasser
  • Kapha -Erde und Wasser

Vata – die Achtsamkeitsfalle der Überwahrnehmung

Vata steht für Bewegung und Leichtigkeit. Menschen mit ausgeprägtem Vata nehmen oft sehr fein wahr, manchmal zu fein. Gedanken, Stimmungen und Empfindungen wechseln rasch. Wenn diesem inneren Geschehen zu viel Raum gegeben wird, entsteht leicht ein Gedankenkarussell. In unruhigen Lebensphasen kann sich das noch verstärken. Offene Achtsamkeitsübungen können hier schnell überfordern. Jedes Geräusch, jeder Gedanke und jede Körperempfindung wird gleichzeitig wahrgenommen. Statt Achtsamkeit entsteht Unruhe.

Was hilft?

Kurze, klar geführte Übungen mit einem konkreten Fokus. Etwa der Kontakt zu den Füßen mit dem Boden, die Hände auf den Bauch legen oder ein ruhiger, gleichmäßiger Atem. Regelmäßigkeit ist entscheidend: lieber häufiger und kurz als selten und lang. So entstehen Sicherheit, Sammlung und Zugang zur gelebten Achtsamkeit.

Pitta – die Achtsamkeitsfalle des Kontrollierens

Pitta liebt Klarheit, Zielstrebigkeit und Leistung. Menschen mit dominanter Pittaenergie sehen sich oft als sehr achtsam, schließlich entgeht ihnen nichts. Vermeintliche Achtsamkeit wird zum Werkzeug, um besser zu funktionieren. Doch häufig steht dabei Kontrolle im Vordergrund. Das Ergebnis: Druck, Spannung und das Streben nach Perfektion. Der heilsame Gegenpol Wohlwollen und Weichheit: Beobachten, ohne zu bewerten, bewusst im Moment sein, ohne etwas erreichen zu wollen. Eine echte Herausforderung!

Was hilft?

Ständige Reflexion und Beobachtung der eigenen Wahrnehmung. Unterstützend wirkt eine tiefe, ruhige Atmung mit verlängerter Ausatmung, gerne durch den Mund, um das „innere Feuer“ zu bändigen.

Kapha – die Achtsamkeitsfalle der Trägheit

Kapha steht für Stabilität, Ruhe und Beständigkeit. Menschen mit ausgewogenem Kapha sind von Haus aus präsent, ohne viel zu tun, mit einer natürlichen, erdenden Ausstrahlung und Achtsamkeit. Hektik liegt ihnen fern, aber auch Anstrengung wird vermieden und so driften sie sehr schnell ins Träumen und sich Verlieren ab. Vermeintliche Achtsamkeit kann jetzt leicht in Passivität und Trägheit umschwenken. Wahrnehmen ohne Bewegung, Akzeptanz ohne Veränderung, führt zu Starre.

Was hilft?

In Bewegung bleiben, Ziele setzen, ein sanfter Impuls von außen, manchmal auch ein deutlicher Schubs, um aus der Trägheit herauszukommen. Unterstützend für Kapha hilft Gehmeditation, obwohl er viel lieber in der liegenden Position ist. Auch die Atmung darf bewegter sein, zum Beispiel die yogische Feueratmung.

Fazit

Ayurveda erinnert uns daran, dass Achtsamkeit keinem einheitlichen Prozess unterliegt, sondern ein lebendiger Prozess ist.Sie darf individuell an den Menschen und an den Zustand angepasst werden. Sie zeigt auf, wie wir innerlich organisiert sind und, welche Muster uns prägen. Echte Achtsamkeit beginnt dort, wo wir nicht einer Methode folgen, sondern achtsam unserer inneren Natur lauschen. Denn: Nicht jede Stille ist heilsam und nicht jede Beobachtung führt automatisch zu Klarheit

Ihre Sibylle Schiller