Autorin: Susanne Schönmetz • Dauer: 6 Minuten •
Aparigraha – was brauche ich wirklich? Wer den Yoga nicht nur üben, sondern auch leben möchte kommt unweigerlich in Kontakt mit der Yogaphilosophie und damit auch dem „Yoga Sutra“ von Patanjali. Er hat darin den achtgliedrigen Pfad des Yoga beschrieben und mit den Yamas und Niyamas einen Wegweiser fürs Leben. Er gibt uns Empfehlungen für ein verantwortliches Verhalten uns selbst und der Welt gegenüber.
Aparigraha
Aparigraha bedeutet „Nicht-Besitzergreifen“, „Nicht-Horten“, „Nicht-Anhaften“ und ist das Fünfte und Letzte der Yamas. Dieser Grundsatz erinnert uns daran, an nichts festzuhalten, was uns nicht dient, was wir nicht wirklich brauchen. Wenn wir uns die Frage stellen „was brauche ich wirklich?“ Werden wir schnell feststellen wie wenig wir tatsächlich brauchen. Dennoch haben wir uns aus verschiedensten Gründen viel zu viel angeschafft.
Wir dürfen darüber nachdenken was es für die Welt, die Ressourcen und das Klima bedeutet, wenn so viele Menschen so viel Besitz anhäufen.
120 persönliche Dinge
Vor hundert Jahren besaßen die Menschen im Schnitt rund 120 persönliche Dinge. Heute besitzt der Durchschnittseuropäer mehr als 10.000 Gegenstände. Das überfordert viele von uns und der Besitz wird zur Last, beschwert uns und verbraucht unsere Energie. Wir sind an all die Dinge gebunden. Besitz gibt uns zwar ein Gefühl der Sicherheit doch gleichzeitig leben wir in Sorge um unseren Besitz und fürchten ihn zu verlieren und müssen Strategien entwickeln um ihn zu schützen und zu vermehren.
Wenn wir das, was wir nicht brauchen, loslassen können, können wir uns an den wesentlichen Dingen erfreuen und befreien unsere Energie von dem Klammern und Festhalten. Aufzuräumen und auszumisten ist vielleicht ein guter Vorsatz und ein Vorhaben für das kommende Frühjahr. Mit leichtem Gepäck durchs Leben zu gehen ist befreiend. Wir dürfen äußerlich und innerlich aufräumen.
Der Geist wird ruhig
In manchen spirituellen Traditionen legen Mönche und Nonnen das Armutsgelübde ab. Sie verzichten auf persönlichen Besitz und müssen sich nicht um das Geldverdienen kümmern und all die Aufmerksamkeit, Energie und Zeit aufbringen die ein Besitz mit sich bringt. Der Geist wird dadurch ruhig und klar und kann sich der spirituellen Entwicklung widmen. Natürlich ist das ein Extremfall von Aparigraha.
Doch wir sollten uns fragen wieviel Energie wir aufbringen uns um unseren Besitz zu kümmern und ob uns genug Zeit bleibt für die wichtigen Dinge unseres Lebens. Finden wir bei all dem anhäufen und horten noch Zeit uns um uns selbst zu kümmern? Finden wir Zeit zum Nachdenken um uns klar zu werden was wirklich wichtig ist für uns und die Welt? Wie wir unsere Lebenszeit verbringen wollen und was unserem Leben Sinn gibt?
Auch in der modernen Welt haben immer mehr Menschen die Sehnsucht nach einem einfachen Leben ohne viel Ballast und leben minimalistisch.
Lebenslanger Prozess
Aparigraha können wir in allen Bereichen unseres Lebens entwickeln und es ist ein lebenslanger Prozess. Wir dürfen uns bewusst machen an welche materiellen Gegenstände wir festhalten, wie wir an Beziehungen, Beruf oder Status festhalten und an welchen Überzeugungen, Vorstellungen und Glaubenssätzen wir anhaften. Auf der Yogamatte und in der Meditation können wir unsere Gedanken beobachten und feststellen, an welchen Vorstellungen, Glaubenssätzen, Erwartungen und Zielen wir festhalten. Diese Einsicht ist die Voraussetzung für Aparigraha.
Fragen die wir uns stellen können:
- Ist es Sicherheit, Anerkennung oder Freude die meinem Festhalten zugrunde liegt?
- Ist Existenzangst, Einsamkeit oder Leere für das Festhalten verantwortlich?
- Kann ich mich erfreuen an dem was ich habe?
- Entsteht meine Zufriedenheit aus mir selbst oder aus dem was mir die Gesellschaft vorgibt?
- Kann ich den Sinn des Lebens im Sein finden anstatt im Haben?
Wir können ganz praktisch im Alltag, auf der Yogamatte und in der Meditation mit dem entwickeln von Aparigraha beginnen. Vielleicht fangen wir in einem Bereich an, wo es uns am leichtesten fällt oder wir spüren in einem Bereich einen besonderen Wunsch freier zu werden. Wir vereinfachen unser Leben und bewegen uns tendenziell zu „weniger ist mehr“. Letztendlich ist es egal, wo wir anfangen die Ursachen und Gründe des Festhaltens zu erforschen und umzusetzen. Dieser Lebensweise geht eine innere Haltung voraus, die sich dann ganz von selbst auf andere Lebensbereiche ausweitet.
Auf den ersten Blick wirkt Aparigraha vielleicht wie eine Einschränkung oder ein Verzicht, doch wir leben in Fülle mit dem was uns wichtig ist. Im positiven Sinne entsteht Freiheit, Zufriedenheit, Großzügigkeit, Dankbarkeit und Vertrauen.
Eure Susanne Schönmetz






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